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Häuser der Mission sind eine Antwort auf die engen Grenzen eines kommunistischen Staates

Häuser der Mission sind eine Antwort auf die engen Grenzen eines kommunistischen Staates

Bild vergrößern Die Kirchen in Kuba haben keine leichte Zeit hinter sich. Vor allem die ersten Jahre nach der Revolution (1952 bis 1959) waren für die Gläubigen äußerst hart. Es kam zu systematischen Enteignungen und Repressionen durch die sozialistische Regierung. Ein Großteil der ausländischen Priester und Ordensleute verließ damals das Land. Zum Kampf gegen die Kirchen gehörte auch das obligatorische Schulfach «Atheismus». Die Situation hat sich seit den Achtzigerjahren verbessert und die Kirchen haben etwas mehr Freiheit. Trotzdem ist vieles nur geduldet, aber längstens noch nicht erlaubt. Wie die alten amerikanischen Autos aus den Fünfzigerjahren vor Augen führen, ist der Fortschritt nach der Revolution stehen geblieben. Neue Kirchen dürfen bis heute nicht gebaut werden. «Der Wohnungsbau hat Vorrang », erklärt Caridad Diego, Regierungsmitglied und Ministerin ür religiöse Angelegenheiten. Wird eine Kirche renoviert – weil sie beispielsweise als kulturelles Erbe gilt –, ist das ein äußerst langwieriger Prozess. Die Salesianer der Pfarrei Nuestra Seniora Auxiliadora im Zentrum Havannas warten seit 2005 auf den Abschluss ihrer Kirchenrenovierung. Die Kirche steht seit bald zehn Jahren als Gottesdienstraum nicht mehr zur Verfügung. «Man braucht sehr viel Geduld in Kuba», meint der italienische Pfarrer, der seit vierzig Jahren hier lebt.
Kirche in der Nachbarschaft
Weil sie der Glaube zum Weitertragen drängt, haben Gläubige ihre Häuser für die Aktivitäten der Kirche geöffnet: In den Innenhöfen und Wohnzimmern findet nun Katechese statt, treffen sich Pfarreigruppen, werden Sakramente gespendet und Gottesdienste gefeiert. Zum Teil übernehmen diese Privathäuser die Funktionen kleiner Pfarreizentren mit ausdifferenzierten Laienämtern, mit Katechese-, Caritas- und Liturgieverantwortlichen. Diese Orte werden «Casas de Mision» – Häuser der Mission – genannt, weil in ihnen die Sendung der Kirche verortet ist. Bild vergrößern Der Name ist bewusst gewählt. Die kubanische Kirche geht hinaus in die Quartiere, näher zu den Menschen. Es gibt weit über einhundert Casas de Mision. Seit wenigen Jahren können Privatpersonen Häuser kaufen. So haben Pfarrer, die über Geld verfügen, in ihren Pfarreien Häuser oder Wohnungen für die Casas de Mision gekauft. Manuel, ein ständiger Diakon der Diözese Camagüey im Zentrum von Kuba, und seine Frau Maria de los Angeles, leben in einem dieser Häuser. Maria zählt die Aktivitäten in «ihrer» Casa de Mision auf: «Am Dienstagabend feiern wir bei uns einen Wortgottesdienst. Am Donnerstagabend findet die Erwachsenenkatechese statt. Wir haben jedes Jahr eine Gruppe Erwachsener, die sich auf die Taufe vorbereiten. Am Samstag um vier Uhr kommen die Kinder für den Erstkommunionunterricht. Es ist eine Gruppe von etwa zwanzig Kindern. Zwölf bis vierzehn kommen bis zur Erstkommunion. Um fünf Uhr feiern wir einen Wortgottesdienst mit den Kindern und den Menschen, die dazukommen. Am Sonntag finden keine Aktivitäten statt. Wir gehen alle in die Pfarrei zum Gottesdienst.» So ist die Woche mit Programm gefüllt und die Anbindung an die Pfarrei gewährleistet.
Vertrauen gewinnen
Eine grosse Herausforderung der Kirchen in Kuba ist, das Misstrauen und den Hass ihnen gegenüber zu überwinden. Über Jahre hat die kommunistische Regierung der Revolution gegen die Kirchen agiert. Die Kinder christlicher Familien wurden in den Schulen ausgelacht. Deshalb ist viel Aufklärungsarbeit nötig. «In der Missionswoche gehen wir in unserem Stadtteil von Tür zu Tür, erzählen den Leuten, was wir tun und laden sie ein, uns einmal zu besuchen. Wir werden dabei von der Missionsgruppe der Pfarrei unterstützt», erklärt Manuel. «So beginnt unsere Gemeinde langsam zu wachsen.» Tatsächlich kommt das Haus von Maria und Manuel inzwischen an seine Grenzen. «Manchmal sind wir fünfzig Personen. Zum Glück bekommen wir dann vom Kindergarten zusätzliche Stühle.» Manuel und Maria gehen beide ihren Berufen nach. Deshalb hat Manuel ausser ein paar liturgischen Einsätzen im Sonntagsgottesdienst keine weiteren Aufgaben in der Pfarrei. Sein Aufgabenschwerpunkt ist die Casa de Mision. Auf die Frage, wer sich denn da beteiligt, antwortet er: «Es sind viele ältere Menschen, welche die Kirche noch aus den Zeiten vor der Revolution kennen. Bild vergrößern Meistens sind es Frauen, aber auch viele Kinder. Die Gruppe der Jugendlichen ist nicht groß.» Unter den Gläubigen sei aber auch die Frau eines Polizeioffiziers, ergänzt Maria nicht ohne Stolz.
Kirchenentwicklung auf kubanisch
Die Casas de Mision entwickeln sich vielfältig. Manchmal sind sie besser organisiert, manchmal weniger. Die kubanische Kirche hat viel zu wenig Personal, um einen systematischen Aufbau zu fördern. «Wir haben weniger Priester in unseren Diözesen als die Diözesen in Afrika», erklärt der Pfarrer und Direktor von Missio in Kuba, Castor José Alvarez Devesa. Über 20 000 Gläubige kommen im Schnitt auf einen Priester! Zwei Drittel der heute auf Kuba tätigen Priester stammen aus dem Ausland. Die 82 kubanischen Diakone und ihre Frauen bilden deshalb eine wichtige Brücke zu den Gemeinden, aber auch zur Gesellschaft, denn die meisten von ihnen gehen nach wie vor ihren zivilen Berufen nach. Das Leben in den Casas de Mision gleicht dem einer kleinen christlichen Gemeinschaft, hat aber doch ihren ganz eigenen Charakter. Es gibt zum Beispiel kein Bibelteilen nach der Siebenschrittmethode. Man folgt meist der Methode der Lectio Divina. «Wir sind erst dabei, den Leuten beizubringen, sich über ihr Leben und ihren Glauben zu äußern und Zeugnis zu geben. Die Menschen in Kuba sind es nicht gewohnt, über den Glauben zu sprechen», erklärt uns Diakon Manuel. So gibt es auch keine Laien, die Wortgottesdienste leiten oder gar predigen würden. Denn in den schwierigen Sechzigerjahren war das Konzil sehr weit weg und seine Umsetzung im kommunistisch regierten Kuba ein Ding der Unmöglichkeit. So besteht ein enormer Nachholbedarf! Die Kirche wie auch das Land stehen an einem entscheidenden Punkt, das haben mehrere Gesprächspartner formuliert. Der kommunistische Staat hat einige Lockerungen zugelassen und sieht großzügig über Veränderungen hinweg. Beispielsweise über die immer größeren Bildungsangebote der Orden und Pfarreien. Was nach den beiden Castro-Brüdern geschehen wird, kann niemand sagen. Gangbaren alternativen Modellen sind wir nicht begegnet. Die Casas de Mision zeugen aber von einer Kirche, die an der Basis verwurzelt und fähig ist, sich auch in einem schwierigen Umfeld zu behaupten. Das stimmt zuversichtlich.
Diakon Martin Brunner-Artho ist Direktor von Missio Schweiz.
Als Delegierter des Internationalen Diakonatszentrums (IDZ) nahm er an
der Jahresversammlung der Ständigen Diakone in Havanna teil.
Erschienen in Weltweit 1/2015 für die Website


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